LUNGE läuft: IATF 2026 - mein erster Ultra
69 km, 2.650 Höhenmeter und eine Antwort auf die Frage "Warum eigentlich?"
Vor ein paar Jahren war ich noch froh, in Berlin zu wohnen – bloß keine Höhenmeter beim
Laufen. Durch meinen Freund bin ich zum Trailrunning gekommen und irgendwann hat es mir tatsächlich Spaß gemacht. Bei Anstiegen darf auch mal gegangen werden, und oben zahlt sich das durch den Ausblick aus. Gar nicht mal so übel.
Aber warum einen Ultra laufen? Genau diese Frage habe ich mir letztes Jahr intensiv
gestellt – nicht nur im Training, sondern auch wissenschaftlich: Meine Masterarbeit
handelte von Motivation und Support bei Ultra-Trails. Nach so viel Theorie wollte ich es
irgendwann selbst erleben. "Irgendwann" kam dann schneller als gedacht: Durch meinen
Freund ergab sich die Möglichkeit, beim Innsbruck Alpine Trailrun-Festival den K65 zu
laufen. 69 km, 2.650 Hm – das ist schon eine Ansage.
Ich laufe seit acht Jahren, habe mehrere Marathons in den Beinen und bin mit Freunden
450 km von Chamonix nach Marseille gelaufen. Aber so lange am Stück, das war etwas
komplett Neues. Was passiert nach Kilometer 42? Ab wann tut es richtig weh? Und wann muss ich mental mit mir kämpfen?

5:30 Uhr – Startschuss in Innsbruck
Die ersten zwei Kilometer führen durch die Innsbrucker Innenstadt, dann kommt direkt der erste große Anstieg: 800 Höhenmeter auf acht Kilometern. Ehrlich gesagt kamen da zwischendurch die ersten Zweifel. Die Waden brennen früh und ich frage mich, ob ich die Leute hinter mir aufhalte. Kurze Frage an den Läufer hinter mir – er winkt verwundert ab.
Auf Trails ist das deutlich entspannter und bei Kilometer 10 muss man bei einem Ultra
noch kein Tempo machen. Dann endlich der langersehnte Downhill zur ersten Verpflegungsstation bei Kilometer 14. Mein Support wartet bereits, füllt meine Flaschen auf und hilft mir, die Gels für den nächsten Abschnitt in der Laufweste zu verstauen. Die nächsten Kilometer sind laufbar und ich merke: Ich bin im Rennen angekommen. Auf den Singletrails macht das Laufen endlich Spaß, die Landschaft um mich herum ist wunderschön und ich bin mental komplett bei mir.
Die Hälfte ist geschafft.
Nach etwa fünf Stunden und etwas mehr als der Hälfte der Strecke erreiche ich die nächste Station mit Support bei Kilometer 37,5. Gleiches Prozedere, weiter geht's.
Zur Ernährungsstrategie: Geplant war ein Gel alle 30 Minuten – bei einer Zielzeit von rund
zehn Stunden, also etwa 20 Gels à 30–40 g Kohlenhydrate, ergänzt durch Drinkmix.
Nachdem mein Magen leicht rebellierte, habe ich auf ein Intervall von 40–45 Minuten
umgestellt. Am Ende hatte ich rund 650–700 g Carbs aufgenommen und lag damit
trotzdem komfortabel bei ca. 70 g pro Stunde, genau im empfohlenen Bereich für lange
Ausdauerbelastungen.
Die Anpassung hat sich bewährt: lieber etwas weniger und dafür
konstant, als mit Magenproblemen zu kämpfen. Die nächsten Stunden vergehen erstaunlich schnell. Bei den Uphills spüre ich meine Waden, aber alles bleibt im Rahmen. Bei der letzten Station mit Support, nach fast sieben Stunden bei Kilometer 50, sage ich noch: "Ich bin fast ein bisschen traurig, dass es in 20 Kilometern vorbei ist."
Drei Kilometer später nehme ich das zurück.
Der letzte Berg und die Gewissheit
Der finale lange Anstieg. Die Hitze drückt, kaum Schatten, noch 600 Höhenmeter, die
Füße tun richtig weh. Ich freue mich über jeden Brunnen auf dem Weg. An diesem Punkt
wird mir klar: Ich schake es. Ich bin problemlos so weit gelaufen, die
Verpflegungsstrategie hat funktioniert, die Muskulatur macht mit und auch der Kopf hätte nicht besser mitspielen können.
Der letzte Berg ist geschafft. Jetzt nur noch runter in die Stadt. Bevor es ins Ziel geht, zurück zu den Fragen vom Anfang: Was passiert nach Kilometer 42? Weniger als ich befürchtet hatte. Ein Ultra ist mit einem Straßenmarathon kaum zu vergleichen: Das ständig wechselnde Gelände sorgt dafür, dass der Körper nie nur eine einzige Muskelgruppe bis zur Erschöpfung beansprucht. Uphill, Downhill, flache Passagen und dazwischen immer wieder kurze Momente an den Verpflegungsstationen, in denen sich etwas regenerieren darf. Das macht einen größeren Unterschied, als man denkt. Weh tut es trotzdem, und das möglicherweise durchaus früh. Aber es ist ein anderer Schmerz als der zum Ende eines Marathons. Der Schmerz ist aushaltbar, weil er kommt
und geht.
Der mentale Tiefpunkt? Für mich war das der letzte lange Anstieg. Hitze, kein Schatten,
Füße am Limit. Aber selbst dort hat der Gedanke "Ich schaffe es" überwogen. Was hilft:
sich vorher konkrete mentale Strategien zurechtlegen – einen Satz, ein Bild, eine Person.
Und dann: raus aus dem Kopf, rein ins Außen. Die Energie der anderen Läufer*innen, der
Volunteers, die Menschen am Streckenrand aufnehmen, können ein echter Antrieb sein.
9:22 Stunden – Ziel
Ich kann es noch gar nicht richtig fassen. Ich hatte noch nie bei einem Rennen so viel
Spaß – einfach laufen, ohne festes Zeitziel und Druck, mit dem Ausblick, immer wieder
Freunde an der Strecke zu sehen, tollen Volunteers an den Verpflegungsstationen und
ganz vielen Menschen, die angefeuert und Kraft gegeben haben.
Ohne diese Menschen und die wunderbare Community, die es im Trailrunning gibt, hätte das nur halb so viel Spaß gemacht. Ich bin unglaublich dankbar, ein Teil des IATF 2026 gewesen zu sein und diese Erfahrung machen zu dürfen.
Chiara
Gehört – mit einer einjährigen Unterbrechung – seit 2023 zum Team von LUNGE DER LAUFLADEN in Berlin. Während ihres Studiums der Sportwissenschaft arbeitet sie bereits in einem Laufladen und entdeckt dabei ihre Leidenschaft fürs strukturierte Lauftraining.
„Anfangs bin ich vor allem gelaufen, um meine Fitness zu verbessern und für mentale Klarheit. Schnell habe ich aber auch Freude daran gefunden, bei Wettkämpfen meine eigenen Grenzen auszutesten. Heute trainiere ich sechsmal pro Woche in einer Laufgruppe, ergänzt durch zwei bis drei Kraft- oder Pilates-Einheiten. Vier Marathons und zuletzt einen 69-Kilometer-Lauf habe ich inzwischen absolviert. Aktuell konzentriere ich mich auf schnelle 10-Kilometer-Einheiten, um meine Grundschnelligkeit weiter auszubauen. Mein nächstes großes Ziel ist der Berlin-Marathon im Herbst – am liebsten in 3:15 Stunden.“
Liebe Chiara,
herzlichen Glückwunsch zu Deiner großartigen Leistung! 👏
Dein LUNGE DER LAUFLADEN-Team